BAZ - Interview Psychologin Frau KieferFrau Kiefer, Sie sind Psychologin und arbeiten beim BAZ Osnabrück. Wie sind Sie dazu gekommen?

Kiefer: Als examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin habe ich mich bereits während meiner Tätigkeit in einem Akutkrankenhaus häufig mit der Frage beschäftigt, warum so viele Menschen in Deutschland – wenn Sie so wollen – erst „am Ende“ des Gesundheitssystems aufgefangen oder wahrgenommen werden, also wenn sie bereits erkrankt, belastet oder pflegebedürftig sind. Es hat mich schon damals beschäftigt, dass in solchen Fällen nicht schon sehr viel früher auf zumindest solche Problematiken eingegangen worden ist, die sich über einen langen Zeitraum hinweg ankündigen.

Während meines Studiums der Psychologie habe ich mich dann intensiv mit den Bereichen der Prävention und Gesundheitsförderung auf verschiedensten gesellschaftlichen Ebenen und in verschiedenen Formaten auseinandergesetzt. Durch Praktika im arbeitspsychologischen Bereich war für mich dann sehr schnell klar, dass ich zukünftig meine Energie in die Arbeit an genau dieser Schnittstelle investieren möchte: Arbeit-Gesundheit-Prävention.

Wie kann man sich einen klassischen Arbeitstag einer Psychologin im BAZ vorstellen?

Kiefer: Einen klassischen Tag im eigentlichen Sinne gibt es gar nicht. Die Tätigkeit ist sehr vielschichtig. Häufig starte ich – wie in vielen anderen Berufen auch – mit dem Durchsehen der E-Mails. Hier handelt es sich oft um Nachfragen von Kunden, die Rat bei spezifischen Problemen im Unternehmen oder mit einzelnen Mitarbeitenden benötigen oder aber auch um Terminanfragen für die psychologische Einzelberatung von den Mitarbeitenden selbst. Bei größeren Projekten wie beispielsweise der Durchführung einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen mit mehreren Hundert Mitarbeitenden sind strukturiertes Projektmanagement und Fingerspitzengefühl in der Kommunikation und Motivation gefragt.

Ich konzeptioniere, strukturiere und koordiniere am Telefon, per E-Mail oder vor Ort in Zusammenarbeit mit ganz unterschiedlichen Akteuren. Danach habe ich beispielsweise ein Beratungsgespräch in meinem Raum im BAZ. Das ist vermutlich das, was die meisten Menschen am ehesten unter der Tätigkeit einer Psychologin verstehen: Ein Mensch mit einem Problem oder in einer Krise kommt zu mir und meine Aufgaben sind aufmerksam zuhören, gezielt nachfragen, unterstützen und stabilisieren, Perspektiven entwickeln und passgenaue Hilfe anbieten oder vermitteln. Danach wiederum fahre ich in eines der von uns betreuten Unternehmen, um mir einen Eindruck zu verschaffen, an einer Planungssitzung teilzunehmen, um bei einem Wiedereingliederungsgespräch zu unterstützen oder um zu einem bestimmten Thema wie Sucht in einem Vortrag zu informieren oder in einem Seminar Führungskräfte für das Thema Gesundheitsförderung und gesundes Führen fit zu machen.

Zwischendrin stehe ich immer im engen Austausch mit meinen ärztlichen Kolleg*innen und den Medizinischen Fachangestellten, wir arbeiten Hand in Hand. Und dann ist da vielleicht noch ein Netzwerktreffen, um im kontinuierlichen Kontakt mit anderen Unterstützungsangeboten zu bleiben.

Das Betriebsarztzentrum Osnabrück hat ein umfangreiches Angebot im psychologischen Bereich. Wenn Sie Ihren Arbeitsbereich umschreiben müssten – welche Leistungen bietet das BAZ seinen Kunden?

Kiefer: Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen ist eine gesetzliche Vorgabe, der Unternehmen nachkommen müssen. Wir unterstützen und beraten in allen relevanten Fragen rund um das Thema, von der Auswahl eines geeigneten Instruments über die Organisation der Durchführung, Maßnahmenplanung und fortlaufenden Weiterbegleitung für ein nachhaltiges Ergebnis. In der externen Mitarbeiterberatung beraten wir zu den verschiedensten Problemen und Fragestellungen, egal ob es sich um arbeitsplatzbezogene oder private Sorgen und Problemstellungen handelt. Daher können Konflikte mit Vorgesetzten oder Kollegen, Suchtprobleme oder Burn-out-Symptome genauso Thema sein wie Fragen zu Partnerschaft, Familie, Krankheit, Krisen oder Existenzängsten. Durch lösungsfokussiertes Vorgehen klären wir ab, ob die Problematik im Rahmen unserer Beratung bearbeitet werden kann oder ob sich bereits eine behandlungsbedürftige psychische Erkrankung entwickelt hat. Bei Bedarf vermitteln wir dann in bestehende ambulante und 3 stationäre Therapieangebote. Die Idee dahinter ist es auch, die Versorgungslücke zu minimieren, die mit oft wochen- bis monatelangen Wartezeiten für die Betroffenen einhergeht, bis diese ein Unterstützungsangebot wahrnehmen können. In aller Regel können wir Termine für ein Erstgespräch binnen einer Woche anbieten.

Der Bedarf für Fortbildung, Trainings und Seminare ergibt sich häufig aus einer Gefährdungsbeurteilung heraus, weil sich hieraus sehr gut die Bedarfe der einzelnen Unternehmen oder Arbeitsbereiche erkennen lassen. Dafür greifen wir sowohl auf bewährte standardisierte und validierte Trainings zurück als auch auf spezifisch für die Wünsche und Problemstellungen der Kunden konzipierte Formate.

Mediation als eine Form der Moderation insbesondere von stark verfestigten Konflikten durch eine externe, allparteiliche Instanz ist ebenso gefragt wie die Supervision. Hierbei werden Fragen, Problemfelder, Konflikte und Fallbeispiele aus dem beruflichen Alltag thematisiert, um in einem Austauschprozess Lösungen für Probleme und Fragestellungen zu entwickeln. Wir bieten Einzel-, Team-, Gruppen-, Fall- und Leitungssupervision an. Auch hier beraten wir vorher umfassend dazu, welche Formate für die Kunden besonders geeignet sind.

Unterstützung beim betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) bieten wir insbesondere deswegen an, weil wir festgestellt haben, dass es gerade nach oder bei psychischen Erkrankungen für die Zuständigen oft schwierig ist, diesen Prozess zu gestalten. Wir begleiten hier beispielsweise durch Unterstützung bei den Gesprächen in bestehenden BEM-Teams, durch Schulung neuer Teams für den BEM-Prozess allgemein oder auch durch Beratung und Wissensvermittlung im Bereich psychischer Erkrankungen.

Wenn man über die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz spricht, dann denkt man sofort an Mobbing oder Burn-out. Sind das typische Themen, die Ihnen begegnen?

Kiefer: Diese Themen begegnen mir tatsächlich sehr häufig, aber ich glaube vor allem deshalb, weil es die beiden Begriffe sind, die im täglichen Sprachgebrauch und in den Medien sehr präsent sind und es darüber hinaus vielen Menschen schwerfällt, den sperrigen Begriff der psychischen Belastung mit Inhalt zu füllen. Noch häufiger fällt der Begriff „Stress“, der selbstverständlich ein starker Belastungsfaktor ist, aber sehr unspezifisch ist. Wenn Sie die Personen in Ihrem Umfeld einmal fragen, ob Sie Stress haben, werden 95 % dies wahrscheinlich mit ja beantworten.

Meine Aufgabe ist es vielmehr, die Themen „hinter“ diesen Themen herauszufinden und da gibt es eigentlich nichts, was typischerweise immer auftritt. Andauernder Umgebungslärm oder häufige Unterbrechungen durch Anrufe können genauso belastend sein und zu psychischen Beanspruchungen führen wie Konflikte mit Vorgesetzten, fehlende Arbeitsmittel, Produktionsdruck, prekäre Beschäftigungsverhältnisse oder die fehlende Möglichkeit, selbst Einfluss auf die Ausführung der Arbeitstätigkeit zu nehmen. Zu viel Verschiedenes erledigen zu müssen kann belasten, aber auch Monotonie stellt einen Risikofaktor für Beanspruchungserscheinungen dar. Sie können sich vorstellen, dass bei 450 betreuten Unternehmen aus den verschiedensten Branchen nicht DIE Belastung oder DAS Problem erkennbar sind, sondern immer ganz spezielle Gegebenheiten vorgefunden werden.

Abgesehen von den offensichtlichen Themen wie Arbeitsschutz und Wiedereingliederung – welche Vorteile hat die Betreuung und Begleitung im psychologischen Bereich für mich als Arbeitgeber?

Kiefer: Sie bietet Vorteile auf mehreren Ebenen. Wenn man sich einmal aktuelle Zahlen anschaut, erkennt man beispielsweise, dass psychische Erkrankungen im Jahr 2016 knapp ein Fünftel der Arbeitsunfähigkeitstage verursachten, dass vier von zehn Frühberentungen aufgrund von psychischen Erkrankungen erfolgen und dass knapp ein Drittel der Deutschen innerhalb eines Jahres an einer psychischen Störung erkrankt. All diese Zahlen beziehen sich auf den Zeitpunkt, an dem sich aus einer Belastung längst eine Erkrankung entwickelt hat. Dabei ist es durch das frühzeitige Erkennen von Unterstützungsbedarf und die Bereitstellung von zeitnaher und zielgerichteter Hilfe wie wir sie bieten sehr gut möglich, gefährdende Belastungen zu reduzieren und weitere Folgen zu begrenzen. Womit wir wieder bei meiner Motivation für dieses Arbeitsfeld sind…

Im BAZ stellen wir immer wieder fest, dass das Thema psychische Gesundheit bei den Unternehmen zwar bekannt ist und auch schon aufgenommen wurde, aber vielfach werden Personalabteilung oder Führungskräfte zusätzlich mit diesem Thema betraut, die ohnehin schon viele verschiedene Aufgaben haben und denen es verständlicherweise an ausreichend Fachwissen und Kapazitäten mangelt, dieses komplexe Thema zu bedienen. Hier entlasten wir also mit unserem Angebot die internen Strukturen und tragen damit zur Qualitätssicherung im Unternehmen wie auch beim Thema psychische Gesundheit bei. Eine Investition in die psychische Gesundheit von Mitarbeiter*innen lohnt sich für Sie als Arbeitgeber auch im Hinblick auf weniger Arbeitsunfähigkeitstage, eine höhere Zufriedenheit der Mitarbeitenden und eine stärkere Mitarbeiterbindung. Gerade Letztere ist im Hinblick auf den Fachkräftemangel ein enorm wichtiges Gut.

Nicht zu vernachlässigen ist schließlich der Aspekt der Entwicklung: Ein gut aufgestelltes Unterstützungssystems für Ihre Mitarbeiter*innen und Ihr Unternehmen als Ganzes eröffnet vielfältige Möglichkeiten, Prozesse und Strukturen zu verbessern, beispielsweise durch die Erweiterung des Fortbildungsprogrammes oder die Implementierung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) oder neuer betrieblicher Gesundheitsförderungsmaßnahmen (BGF). So gelingt es, nicht nur innerlich auf gesunden Beinen zu stehen, mit geringeren Krankenständen und weniger Fluktuation, sondern auch in der Außenwirkung zu gewinnen.

Die meisten Arbeitgeber würden behaupten, ein gutes Betriebsklima im Unternehmen zu spüren – und sich entsprechend keine Gedanken um eine psychologische Betreuung machen zu müssen. Was sagen Sie diesen Arbeitgebern?

Kiefer: Dass es ein hohes Gut ist, wenn im eigenen Unternehmen ein solches gutes Klima herrscht – dass dies aber auch ein fragiles Produkt ist, dass man gut pflegen und mit Vorsicht behandeln muss. In vielen Betrieben sehe ich einiges, das bereits gut läuft, wo bereits gute Ansätze auf den Weg gebracht wurden. Das freut mich jedes Mal aufs Neue, denn es zeigt, dass das Thema ernst genommen wird. Auf der anderen Seite – und das steckt ja bereits in dem Wort spüren – ist die menschliche Wahrnehmung leider nicht besonders verlässlich und um belastbare, handfeste Informationen, beispielsweise über den Belastungsgrad einer Tätigkeit zu bekommen, muss man sich ebensolcher valider und reliabler Instrumente und Vorgehensweisen bedienen. Das mag zunächst wie lästiger Mehraufwand erscheinen, bewahrt aber davor, blinde Flecken zu übersehen oder ziellos wie mit einer Gießkanne Maßnahmen auszuschütten, die letztendlich nicht benötigt werden.

Ein gutes Betriebsklima ist auch leider kein Indikator für das Vorhandensein oder die Abwesenheit psychischer Belastungen oder Erkrankungen. Nach wie vor ist es so, dass psychische Krankheiten eher von Betroffenen verheimlicht oder Aussagen darüber mit Allgemeinplätzen oder vorgeschobenen körperlichen Erkrankungen („Rücken“ etc.) vermieden werden – und das Gegenüber häufig froh ist, wenn das Thema Psyche nicht angeschnitten werden muss. Arbeitgeber und Kollegen sind also in aller Regel nicht die Ansprechpartner erster Wahl. Hier hilft eine neutrale, schweigepflichtgebundene Instanz außerhalb des Arbeitsumfeldes, die Hemmschwelle zu senken, Hilfe anzunehmen.

Woran erkenne ich als Arbeitgeber, ob ich Ihre Unterstützung benötige? Welche Arten und Größen von Unternehmen beraten Sie?

Kiefer: Da gibt es viele Anlässe, an denen Sie Unterstützungsbedarf festmachen könnten: wiederholter oder hoher oder langer Krankenstand einzelner Mitarbeiter*innen oder ganzer Abteilungen, wenn Sie merken, dass das oben genannte Klima schlechter wird, wenn Sie in Gesprächen mit einer*m Mitarbeiter*in unsicher sind, bei dem Sie erhöhte Belastung bemerken oder eine psychische Erkrankung vermuten, bei kniffligen BEM-Gesprächen oder auch, weil Sie die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen qualitativ hochwertig durchführen und nachhaltig in Ihr Unternehmen integrieren wollen, indem Sie beispielsweise ein BGM darauf aufbauen.

Die zweite Frage lässt sich mit „alle“ beantworten. Von Industrie und Produktion über Dienstleister, soziale Einrichtungen, Gastronomie, Gesundheitswesen, Logistik und öffentliche Verwaltung ist alles mit dabei. Dabei ist es unerheblich, ob ein Unternehmen 25 oder 2500 Mitarbeitende hat.

Angenommen ich habe den Eindruck, dass ein Mitarbeiter psychologische Unterstützung benötigt – beispielsweise, weil ich glaube, eine Essstörung oder Depression zu erkennen – darf ich als Arbeitgeber damit aktiv auf meine Angestellten zugehen? Wann ist die psychologische Betreuung Privatsache und wann ist die Unterstützung durch einen Betriebsarzt angebracht?

Kiefer: Sie dürfen. Es ist wunderbar, wenn Sie als Arbeitgebender offene Augen und Ohren für Ihre Mitarbeitenden mitbringen. Je eher Belastungen erkannt werden, desto mehr Stellschrauben haben wir, an denen wir drehen können, um schwereren Beanspruchungsfolgen entgegenzuwirken. Wenn die Arbeitsfähigkeit leidet, haben Sie als Arbeitgeber immer einen Anhaltspunkt, um ein Gespräch zu suchen. Ob ein Mitarbeitender sich psychologisch beraten oder weitergehend betreuen lassen will, ist natürlich seine persönliche Entscheidung. Unterstützung anzubieten ist aber sicherlich ein guter Weg.

Was ich nicht empfehlen kann, ist mit einer direkten Diagnosevermutung auf einen Mitarbeitenden zuzugehen im Sinne von „Ich glaube, du hast eine Essstörung, geh mal zum Psychologen“. Aller Wahrscheinlichkeit nach führt das nicht dazu, dass der Mitarbeitende Unterstützung annimmt. Wenn solche Fälle öfter auftreten, bieten wir Schulung im Umgang mit belasteten Mitarbeitern an. Gute Alternativen zu einem direkten Gespräch sind auch die Betriebs- oder Personalräte, die die Mitarbeitenden an unser Angebot weiterverweisen können. Immer mehr Unternehmen wählen jedoch den Weg, das Angebot der externen Beratung für alle Mitarbeitenden offen zu kommunizieren, sodass die Hemmschwelle, sich gegenüber dem Arbeitgeber zu öffnen, umgangen werden kann.

Und andersherum: Darf ich als Angestellter meinen Vorgesetzten um die Unterstützung eines psychologischen Betriebsarztes bitten, sofern ich konkreten Bedarf dafür sehe? Wie mache ich das am besten?

Kiefer: Als Arbeitnehmer haben Sie zum einen gemäß ArbMedVV die Möglichkeit, den Arbeitgeber um eine sogenannte Wunschvorsorge zu bitten, wenn Sie einen Zusammenhang zwischen einer psychischen Störung und Ihrer Arbeit vermuten, die dieser Ihnen auch genehmigen muss. Der Anspruch besteht nur dann nicht, wenn nicht mit einem Gesundheitsschaden zu rechnen ist.

Aber auch, wenn die Arbeit nicht im Zentrum Ihres Problems liegt, können Sie entweder direkt auf Ihren Arbeitgeber zugehen – über eine Vertrauensperson, den Vorgesetzten, den Betriebsrat… Oder sich im nächsten Vorsorgegespräch an Ihren Betriebsarzt wenden, der dann direkt weiter an eine von uns Psychologinnen vermitteln kann. Oder Sie wenden sich direkt an uns und vereinbaren einen Termin.

Psychische Gesundheit ist eine Voraussetzung dafür, dass Mitarbeitende ihr Potenzial erfüllen und ihre Rolle im Arbeitsleben finden können. Abgesehen davon – warum sollten Mitarbeitende entsprechende betriebsärztliche Angebote annehmen?
Kiefer: Ganz klar im eigenen Interesse und dem ihrer Gesundheit. Unsere Arbeit und unser Privatleben sind eng miteinander verwoben, Arbeitsstress nehmen wir mit nach Hause und belasten damit möglicherweise unsere Partnerschaft.

Ebenso können belastende familiäre Situationen oder Erkrankungen dazu führen, dass ich bei der Arbeit unkonzentriert oder unmotiviert bin. Und in erster Linie geht es ja darum, die eigene Gesundheit zu erhalten. In psychischer Hinsicht gut für sich zu sorgen ist gar keine so leichte Aufgabe und oftmals hilft hier der Blick und die Expertise von außen.

In der Literatur wird ein Zusammenhang zwischen Bildung und psychischer Gesundheit dargestellt: Je höher die Bildung, desto höher ist auch der Anteil von Menschen mit mindestens durchschnittlicher psychischer Gesundheit. Heißt das, dass Arbeitgeber, die einen hohen Anteil an Akademikern beschäftigen, sich insgesamt weniger Sorgen machen müssen?

Kiefer: Sie beziehen sich hier auf die GEDA-Studie des RKI, die verschiedene Einflussfaktoren auf psychische Gesundheit untersucht hat. Tatsächlich hat sich hier gezeigt, dass je höher der Bildungsgrad ist, umso höher der Anteil an Personen mit mindestens durchschnittlicher psychischer Gesundheit ist. Dies zeigt zum einen, dass Bildung ein Schutzfaktor für psychische Gesundheit sein kann. Zum anderen impliziert der „Anteil“ aber auch, dass selbstverständlich auch immer noch viele Menschen mit hohem Bildungsgrad über eine unterdurchschnittliche oder gar beeinträchtigte Gesundheit verfügen. Auch wer viele Akademiker beschäftigt, sollte das Thema also ernst nehmen.
Noch einflussreicher ist in diesem Zusammenhang aber der Grad an wahrgenommener sozialer Unterstützung, der Eingebundenheit in ein soziales Netz an Familie, Freunden, Vereinen, Unterstützungsstellen, die für uns da sind, wenn wir Hilfe benötigen. Wenn man bedenkt, dass immer mehr Menschen alleine leben und sich nicht mehr in den klassischen Netzen einbinden, sind externe Unterstützungsangebote durch den Arbeitgeber oder unser Zentrum umso wichtiger.

Welche Arten von präventiven Maßnahmen bieten Sie Unternehmen an und mit welchem Ziel?

Kiefer: Wir bieten alle unsere Maßnahmen mit dem übergeordneten Ziel der Förderung der psychischen Gesundheit und dem Erhalt der Arbeitsfähigkeit an. Das heißt, wir legen unser Augenmerk gleichermaßen auf die persönlichen Bedürfnisse der Probanden mit ihren individuellen Problemen wie auch auf die Bedarfe der Arbeitgeber. Von der externen Mitarbeiterberatung über die Durchführung von Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen, die Konzeptionierung und Durchführung individueller Trainings und Fortbildungen zu Themen der psychischen Gesundheit, Supervision, Mediation und die Unterstützung beim betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM).

Sie bieten auch die Moderation von Konflikten an. Wie sieht so etwas konkret aus, sind Sie echte „Streitschlichter“?

Kiefer: Konflikte zu durchleben und sie bestenfalls auch zu klären gehört zu unserem alltäglichen Leben dazu. Manchmal sind diese aber so festgefahren, dass wir aus unserer Rolle der Konfliktpartei keinen Ausweg mehr finden. Hier setzen wir mit der Mediation an. Man könnte es auch als Konfliktbegleitung beschreiben, die das Ziel hat, eine einvernehmliche Lösung herbeizuführen.

Und zwar nicht Sinne von „man könnte eventuell mal versuchen, xy zu machen“, sondern sie mündet in konkreten Vereinbarungen für beide Parteien. Grundvoraussetzung für eine Mediation ist, dass beide Seiten dafür bereit sind. Wenn diese erfüllt ist, gelingt es uns in den allermeisten Fällen, als neutrale, allparteiliche Instanz einen Konsens herbeizuführen.

Die Patientenzahlen psychischer Erkrankungen sind hoch. Erkennen Sie aus fachlicher Sicht eine Tendenz oder bestimmte Krankheitsbilder, die häufiger auftreten als früher? Wenn ja, woran liegt das?

Kiefer: Diese Frage ist schwierig zu beantworten. In Fachkreisen ist man sich relativ einig, dass die Prävalenz für einen Großteil der psychischen Erkrankungen sich im Vergleich zu früher nicht geändert hat. Zum einen sind bestimmte Erkrankungen wie Depressionen (oder Burn-out als vorausgehender Risikofaktor) „salonfähiger“ geworden, es wird offener darüber gesprochen und sie können auch besser und eindeutiger diagnostiziert werden. Andere Erkrankungen wie beispielsweise Essstörungen oder Körperbildstörungen werden stärker durch gesellschaftliche Faktoren wie Schönheitsideale, Medienkonsum oder veränderte gesellschaftliche Werte wie Leistungsorientierung mit beeinflusst, sodass hier durchaus eine Zunahme zu erkennen ist.

Allgemein wird behauptet, dass die Generation Y und Millennials andere Anforderungen an ihren Arbeitsplatz stellen als noch ihre Eltern – vor allem im Hinblick auf den Sinn der Arbeit und der Freude daran. Ist psychische Gesundheit damit auch ein Generationenthema?

Kiefer: Ich würde sagen, dass psychische Gesundheit für jede Generation, sei es Babyboomer, X, Y oder Z ein Thema ist, aber je nachdem mit anderen Schwerpunkten verknüpft ist. Waren zur Zeit der Eltern dieser Generation Y beispielsweise eher die Sicherheit des Arbeitsplatzes, eine langjährige Unternehmenszugehörigkeit oder die Ranghöhe eines Postens entscheidend, um ein Gefühl von Stabilität und Sinnhaftigkeit zu erfahren, stehen jetzt andere Dinge im Vordergrund: Arbeit soll Spaß machen, sich zu vernetzen ist selbstverständlich, die Motivation zu Leistung ist da, sofern dieser auch Flexibilität und Gestaltungsfreiheit entgegen stehen.

Frau Kiefer, vielen Dank für das Gespräch!